Ökologisch mehr Schein: Vorweihnachtliches Kerzenlicht

Teelichter sind heutzutage ja schon nicht mehr weg zu denken und überall billig zu kaufen. Gerade in der Vorweihnachtszeit sind Kerzen in vielen Einkaufskörben mit dabei. Doch was steckt eigentlich drin in den Lichtern, die unser Zuhause so gemütlich machen? In diesem Artikel geht es um Wachs – vom Erdöl bis zur Honigbiene und worauf man beim selbst Einschmelzen zu Hause achten sollte.

Reste neu zum Leuchten bringen

Pünktlich zur Weihnachtszeit habe ich mich passender Weise mal ein bisschen konkreter dem Thema Kerzen gewidmet. Da ich das Leuchten und die Gemütlichkeit, die von Kerzen ausgeht, schon seit Kindertagen sehr schätze, haben sich bei mir im Laufe der Jahre so einige Kerzen angesammelt – und was davon so übrigbleibt. Denn nicht jede Kerze brennt einfach vollständig aus und je größer der Rest, desto mehr tut es mir leid, ihn einfach nur im Müll zu entsorgen. Mit dem Vorsatz, aus allen Resten mal eine neue Kerze zu basteln, wird die Sammlung immer größer.

Ein wesentlicher Erfolgsfaktor: der Docht

Im November habe ich es dann endlich mal geschafft, ein paar Reste einzuschmelzen. War eigentlich gar nicht schlimm und ging ganz schnell, Internet-Anleitungen zum Kerzen selber machen sei Dank. Auch den Docht habe ich mir aus Resten in meiner Wollknäuel-Schublade zusammengebastelt, auch dafür gibt’s reichliche Tipps im Netz. Erst danach ist mir klargeworden, dass ich bei dem „Woll“-Rest gar nicht weiß und auch nicht mehr nachschauen kann, um welches Material es sich eigentlich genau handelt. Denn sowohl echte Wolle, als auch die heute häufig anzutreffenden Kunstfasern sind zum Abbrennen eher ungeeignet.

Das bestätigt mir auch die Kerzenwerkstatt im Magni-Viertel, nur ein Docht aus reiner Baumwolle, der zudem gewachst ist, gewährleistet ein gleichmäßiges Abbrennen der Kerzen und verhindert häufiges Ausgehen oder Rußen. Gesagt, getan: Ich nehme gleich ein Stück von der Docht-Meterware mit für die nächsten Kerzenrest-Experimente. Beim Anblick der vielen Kerzen, die in der Kerzenwerkstatt schon fertig in allen erdenkbaren Formen und Farben in den Regalen stehen, muss ich mich bremsen, hier nicht noch mehr zu kaufen. Stattdessen plaudere ich mit dem Inhaber über die Hintergründe der Wachsproduktion und bekomme jede Menge Hinweise zum Thema nachhaltige Kerzen.

Paraffin oder Stearin: Nachwachsend ist nicht immer besser

Was mir nämlich schon lange auf der Seele brannte war die Frage nach der Materialwahl bei Kerzen. Häufig sind sie ja aus Paraffin, einem Nebenprodukt der Erdölindustrie, hergestellt. Vor allem, wenn sie besonders günstig sind. Es entsteht als Abfallprodukt bei der Herstellung von Erdölprodukten, wie z.B. Benzin. Doch auch wenn es dabei „sowieso“ anfällt, kann man meines Erachtens sowohl den Ressourcenverbrauch als auch die klimaschädliche Gewinnung von Erdöl dabei nicht einfach außen vor lassen. Außerdem ist die gesundheitliche Unbedenklichkeit beim Abbrennen von Kerzen aus Paraffin fragwürdig. Auch wenn z.B. von der Verbraucherzentrale Hamburg regelmäßiges Lüften ganz unabhängig vom Material der Kerze für die Gesundheit empfohlen wird1.

Die Alternative zu Kerzen auf Erdölbasis ist Stearin, das aus nachwachsenden Rohstoffen hergestellt wird. Auch Stearin ist allerdings nicht unumstritten. Es handelt sich zwar um ein Wachs aus pflanzlichen Ölen, aber gerade in den Anfängen und auch heute noch wurde und wird dafür insbesondere Palmöl verwendet. Um die dafür benötigten Palmen anzubauen, werden in den Herkunftsländern oft Regenwälder gerodet und die Menschen von ihrem Grund und Boden vertrieben, teilweise unter Mithilfe der Regierung.

Inzwischen gibt es zwar auch zertifiziertes Palmöl, aber auch das steht in der Kritik: Auf den Seiten der Naturschutzorganisation WWF, die bei der Zertifizierung involviert ist, kann man sich über die Chancen und Grenzen des sogenannten „Roundtable on Sustainable Palm Oil“ (RSPO) informieren.

Gelber Raps für goldene Lichter

In der Braunschweiger Kerzenwerkstatt bekommt man viele Stearin-Kerzen aus Rapsöl, das aus heimisch angebautem Raps gewonnen wird. Viele der Produzenten kennt der Besitzer persönlich. Meine Skepsis, ob wohl eine solche Kerze auch gut brennt, wird sofort entkräftet: Stearin-Kerzen brennen sogar länger und auch deutlich heißer als „normale“ Paraffin-Kerzen und sind damit beispielsweise für Stövchen ideal geeignet. Auch so manche Duftlampen-Stücke schmelzen wohl nur mit der Hitze von Stearin-Kerzen, werde ich aufgeklärt.

Für mein Stövchen werden mir auch gleich die passenden Teelichter gezeigt, die sogar fast vollständig ausbrennen sollen. Da kann ich dann auch auf das Aluminium drumherum verzichten, weil ich keine Reste mehr auskratzen muss. Der Tee bleibt dann nicht nur länger warm, sondern das Gewissen auch noch rein! Zumindest, wenn man sich nicht noch mit dem Gedanken beschäftigt, ob der Raps nicht besser für die weltweite Nahrungsmittelproduktion genutzt werden sollte.

Mit den Bienen stirbt nicht nur der Honig

Möchte man den Acker lieber mit Kartoffeln bepflanzen, statt mit Raps, gibt es vielleicht noch eine andere Möglichkeit: Wie sieht es eigentlich mit Bienenwachs-Kerzen aus? Die bekommt man ja derzeit gerade auf den ganzen Weihnachtsmärkten. Die Antwort ist so einleuchtend wie überraschend: Eine gute Alternative sind die Kerzen schon, vor allem auch, was die saubere oder sogar reinigende Wirkung für die Raumluft betrifft. Nur sind die Preise deutlich höher, insbesondere wohl auch seit immer wieder vom Bienensterben die Rede ist.

Ein Honigbienenvolk produziert im Jahr nämlich nur knapp unter einem Kilogramm Wachs. Die meisten anderen Bienenarten leben allein und bilden keine Staaten. In Deutschland leben nach Schätzungen des D.I.B. 830.000 Bienenvölker2, mit deren Wachs nur ein kleiner Anteil der in Deutschland jährlich ungefähr produzierten 100.000 Tonnen Kerzen3 abgedeckt werden kann. Ich habe mir jetzt erstmal ein paar Teelichter gesichert – aus Bienenwachs deutscher Imkereibetriebe, gefunden auf dem Braunschweiger Weihnachtsmarkt, aber auch im Internet über www.figurasanta.de zu erwerben.

Entscheidung nicht leichtgemacht

Auch Bienenwachskerzen sind aber nicht die ökologische Super-Lösung. Da die Honigbienen heute von der Varroa-Milbe befallen sind und dafür Medikamente erhalten, sind Rückstände in den Kerzen denkbar. Viele Bienenwachskerzen kommen auch aus China, Südamerika oder Südafrika, da heimische Imker ihr Wachs selbst verwenden, die Ökobilanz ist damit wieder dahin. Außerdem erzeugt das Abbrennen jeder beliebigen Kerze CO2, auch wenn die Mengen sicher verhältnismäßig sehr gering sind. Zudem fallen sie überhaupt nur dann zusätzlich an, wenn die Kerze reinen Gemütlichkeitszwecken dient und nicht anstelle einer Lampe mit wahrscheinlich schlechterer CO2-Bilanz angezündet wird.

Am besten fährt man wohl, wenn man nur selten wenige Kerzen aus Bienenwachs brennen lässt, deren Wachs aus heimischen Imkereien stammt. Vielleicht einfach mal auf dem Markt den netten Honig-Verkäufer fragen ? Die Reste dann am besten auch wieder einschmelzen, da kann man sich dann gleich auch noch kreativ austoben.

Welche Kerzen auch immer bei euch brennen mögen, ich wünsche euch eine fröhliche und besinnliche Weihnachtszeit (gehabt zu haben) und viel Entscheidungskompetenz beim nächsten Kerzenkauf!

 

Quellen und weitere Informationen:

1 Verbraucherzentrale Hamburg: http://www.vzhh.de/umwelt/358028/eine-kerze-ist-eine-kerze-ist-eine-kerze.aspx, Stand: 26.12.2017

2 Deutscher Imkerbund e.V.: http://deutscherimkerbund.de/160-Die_deutsche_Imkerei_auf_einen_Blick, Stand: 28.12.2017

3 Statistisches Bundesamt: https://www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/IndustrieVerarbeitendesGewerbe/Konjunkturdaten/ProduktionJ2040310167004.pdf?__blob=publicationFile, Stand: 28.12.2017

Umfassender Bericht des Bayrischen Rundfunks: „Stearin? Wachs? Paraffin? Gibt’s ökologisch einwandfreie Kerzen?“; https://www.br.de/radio/bayern1/inhalt/experten-tipps/umweltkommissar/kerze-wachs-palmoel-stearin-russ-umweltkommissar-100.html

Sehr guter Überblick zu Wild- und Honigbienen: Lehrmaterial vom Verein „information.medien.agrar e.V.“; http://www.ima-agrar.de/fileadmin/redaktion/lehrermagazin/lmp_2015_4/lmp-23_1504_ub-01.pdf

Ausführliche Sammlung und detaillierte Texte zu allen Themen rund ums Imkern: Blog „ImkerPate – Das Imkerportal“; http://www.imkerpate.de/

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