Leder – eine Frage nach Ethik und Haltbarkeit

Der Einkauf von Lederwaren ist ein kontroverses Thema, denn Leder hat als Material hervorragende Eigenschaften. Für wen der Begriff Massentierhaltung aber nicht nur ein technisches Wort darstellt und der weiß, welches Leid für Tiere, Menschen und Umwelt, dahintersteckt, kommt wohl früher oder später um die Auseinandersetzung mit der Thematik Leder nicht herum. Für mich ist jetzt der Zeitpunkt gekommen und ich möchte mit diesem Artikel meine Erfahrungen auf dem Weg zu neuen Schuhen teilen. Lest, ob es gutes Leder geben kann und welche alternativen Materialien es gibt. Am Ende ist die Kaufentscheidung dann doch eine Überraschung.

Schlechte Erfahrungen und die Vorliebe für Leder

Schon in früher Kindheit habe ich die Erfahrung gemacht – und durch meine Eltern bestätigt bekommen – dass kein Kunstleder ein gut verarbeitetes Leder ersetzen kann. Insbesondere, was Schuhe betrifft. Wie oft habe ich aus ästhetischen Gründen das ein oder andere Paar trotzdem gekauft, das nicht im Ober- und Innenmaterial aus Leder bestand. Und wie oft musste ich mich nach kurzer Zeit ärgern, manchmal nach nur wenigen Monaten oder sogar Wochen, dass sich das Kunstleder als nicht sehr robust erwiesen hat und die Schuhe kaputt waren. Oder meine Füße einfach permanent am schwitzen und miefen gewesen sind, mit und ohne Socken. Ganz zu schweigen von dem unangenehm schwitzigen Gefühl beim Tragen, vor allem mit nackten Füßen.

Regen haben die meisten Nicht-Lederschuhe auch nicht lange ausgehalten, ob mit oder ohne Imprägnierung.

Nach unzähligen Schuhen, Taschen, Geldbörsen und Gürteln aus Kunstleder, habe ich irgendwann beschlossen, dass ich diese Materialien meiden und nur noch gut verarbeitete Lederwaren kaufen möchte. Das war noch lange vor der Zeit, in der mir die Massentierhaltung wirklich bewusst war. Seither haben sich auch so einige gute Lederprodukte bei mir angesammelt, die gern und häufig benutzt werden und vor allem deutlich länger halten. Da ich inzwischen auch generell weniger kaufe und mit diesen vorhandenen Sachen bisher gut ausgekommen bin, konnte ich der Leder-Frage ziemlich lange aus dem Weg gehen.

Notwendiger Schuheinkauf erfordert Auseinandersetzung

Aber irgendwann ist es nun mal soweit, alle alltagstauglichen Schuhe sind wirklich hinüber und ein Neukauf steht an. Und dieses irgendwann ist jetzt. Wäre eigentlich schon letztes Jahr gewesen, aber da habe ich die Auseinandersetzung wohl noch gescheut und bin lieber noch eine Saison länger mit den zerschundenen Altlasten rumgelaufen. Dieses Jahr habe ich keine Wahl mehr. Durch den Sommer komme ich noch ganz gut mit meinen Beständen an Flip Flops und Ballerinas, aber sobald auch nur ein Tag mit Regen und weniger als 15°C ansteht, bin ich aufgeschmissen.

Meine erste Anlaufstelle waren also zunächst die klassischen Schuhläden der Stadt, da kamen abseits der großen Ketten die traditionelleren regionalen, aber inzwischen auch schon stark expandierenden  Schuhhäuser Rheingold und SchuhKay in Frage. Wenn man es lieber noch kleiner und regionaler mag, ist zum Beispiel Loose Schuhe noch ein zentraler Anlaufpunkt in Braunschweig.

Bei ein paar Schuhen, die mir gefielen, habe ich dann mal die Label recherchiert. Viele Informationen gab es zur einzelnen Herstellung dabei aber nicht zu finden, geschweige denn zur Herkunft des Leders. Denn von den künstlichen, zumeist kunststoffbasierten und somit auch nicht gerade nachhaltigen Alternativen möchte ich mich weiterhin erstmal fernhalten.

Mit Maßanfertigung dem Leder auf der Spur

Da ich noch nicht mal annähernd das Gefühl hatte, auch nur ein bisschen an der Oberfläche der Thematik „Herstellung von Lederschuhen“ gekratzt zu haben, beschloss ich, die Maßanfertigung von Schuhen in Betracht zu ziehen. So kam es, dass ich dann kürzlich auch erstmal meine vorhandenen Schuhe zum Ausbessern zum Schuhmacher um die Ecke gebracht habe, den ich daraufhin auch gleich auf die Anfertigung von Schuhen angesprochen habe.

Die Richtung des Gesprächs hat mich dann allerdings sehr überrascht. So ist natürlich, wie ich erwartet habe, von einem recht hohen Preis auszugehen bei einer Maßanfertigung. Aber diese ist auch so komplex, dass der Schuhmacher ständig in Übung bleiben muss, um es nicht zu verlernen. Der Familienbetrieb von Willis Schuh- und Schlüsseldienst ist aber mit Reparaturarbeiten schon so gut ausgelastet, dass kaum Zeit für das Bauen von Schuhen bleibt. Die Nachfrage ist allerdings noch vorhanden, wie mir der Sohn von Inhaber Wilhelm Rischow im Laden erläutert.

Auf meine Frage, wo man denn noch maßgefertigte Schuhe in der Region bekommen könne, erfahre ich dann von einer kleinen Schuhmanufaktur in Wolfenbüttel. Beim Schuhmachermeister Ulrich Janke kann man sich ein für die eigenen Füße optimal passendes Schuhwerk schustern lassen. Warum das so teuer ist, wird mir auch noch erklärt: Es muss erst ein Leisten vom Fuß gefertigt werden, also im Prinzip ein Abdruck. Den kann der Schuster selbst machen, das ist sehr aufwändig, oder er bestellt ihn nachdem er den Fuß vermessen hat. Ungefähr zwei Tage dauert anschließend die Maßanfertigung eines Paar Schuhe. Diese ganzen Arbeitsschritte machen den hohen Preis meines Erachtens durchaus nachvollziehbar.

Lederhandel unter die Lupe genommen

Bevor ich dem Schuhhandwerk selbst noch genauer auf die Finger schaue, möchte ich noch wissen, wo das verwendete Leder herkommt und bekomme die Karte eines Lederhandels aus Wolfsburg. Telefonisch erreiche ich dort einen bestens informierten Mitarbeiter, der mir mit viel Hintergrundwissen einen guten Überblick über die Prinzipien auf dem Ledermarkt vermittelt. Und der ist sehr interessant und wirklich mal zu überdenken, deshalb möchte ich diesen Einblick gern mit euch teilen.

Zunächst erstmal kommen die Artikel des Wolfsburger Lederhandels, der seinerseits übrigens auch nur im Großhandel einkauft, gar nicht aus Asien. Entgegen meiner Vermutung decken die Herkunftsländer Italien, Argentinien und Brasilien den Bedarf unseres Schuhmachers. Kommt ein fertiges Leder aus einem bestimmten Land, kann man wohl davon ausgehen, dass die Tiere, deren Häute verwendet wurden, auch dort gelebt haben. Denn die Häute lassen sich vor der Weiterverarbeitung zwar konservieren, aber lange Transportwege überstehen sie so trotzdem nicht und werden anfällig für Fäule und Maden.

Der Weg vom Schlachter zur Gerberei muss also möglichst kurz sein. Das italienische Leder, das den Großteil des vom Händler im Großhandel erworbenen Leders ausmacht, wird also nicht nur in Italien gegerbt. Nein, auch die Tiere müssen demzufolge im Land gehalten worden sein, oder zumindest geschlachtet. Die Frage nach Massentierhaltung wird mir daher auch sofort und ganz offen mit einem „ja“ beantwortet, denn die Mengen an Lederwaren könnten rein platztechnisch gar nicht von freilaufenden Tieren stammen.

Wo bekommt man „gutes“ Leder?

Die Tiere mit den besseren Haltungsbedingungen leben demzufolge, wenn man das glauben darf, eher in den weiter entfernten und flächenmäßig großen Ländern Brasilien und Argentinien. Was zur Folge hat, dass die Lederwaren, die von dort bezogen werden, auch von dickerer Stärke sind. Denn je länger die Kuh lebt, desto dicker wird ihre Haut. Diese dicken Leder werden vor allem für Gürtel oder Schuhsohlen benötigt. In der Bekleidungsindustrie und für das Schuhobermaterial werden die dünnen Häute aus Italien verwendet. Aufgrund dieser Marktaufteilung ist es also auch gar nicht möglich, dass ich mir als Endverbraucher das „bessere“ Leder für meine Schuhe wünsche, erklärt mir der Fachmann.

Stellt sich mir noch die Frage, was denn mit den Häuten der Tiere passiert, die noch vereinzelt bei wenigen Bauern auf der Weide stehen. Die werden in Kleinstgerbereien verarbeitet, in Lüchow-Dannenberg gäbe es beispielsweise noch so eine. Dort würde man aber den 10-fachen Marktwert des Leders bezahlen. Alles hat eben seinen Preis. So bezahlt man nicht nur die Haltungsbedingungen der Tiere, auch die Verarbeitung der Häute bezahlt man mit.

So sollte man aus gesundheitlichen Gründen auch darauf achten, dass die Gerbung mit Chromsalz, wie sie größtenteils durchgeführt wird, ohne Fehler abgelaufen ist. Vor allem in Asien, wo die meisten Leder gegerbt werden, steht nicht nur die Umweltverschmutzung durch giftige Chemikalien in der Kritik, sondern auch die Entstehung von gesundheitlichem Chrom VI in den dort gegerbten Leder-Produkten. Der Bericht „Leder aus Indien“ vom BR gibt Einblicke zu den Lebens- und Arbeitsbedingungen der Menschen im Umfeld der Gerber-Industrie und den gesundheitlichen Auswirkungen der dort eingesetzten Chemikalien.

Als auch für die Füße gesundheitlich verträglichere Alternative gilt die pflanzliche Gerbung. Bei deepmello kommt zum Beispiel einheimischer Rhabarber für die Gerbung zum Einsatz und die Produktion ist 100% made in germany. Müssten nur noch die Haltungsbedingungen der Tiere geklärt werden.

Nun gibt es ja inzwischen auch einige nachhaltige Schuhlabel, eine Übersicht findet man zum Beispiel auf Utopia. Aber was den Ursprung der Ausgangsmaterialien betrifft, findet man auch dort kaum Antworten. Zumindest nicht auf den ersten Blick. Das Label Think! habe ich deshalb einfach mal kontaktiert und genauer nachgefragt. Es heißt, Massentierhaltung käme nicht in Frage und es wird hauptsächlich mit kleinen Familienbetrieben zusammengearbeitet. Aber aus Italien kommt das Leder trotzdem. Nach den vorangegangenen Informationen aus dem Lederhandel bin ich nun skeptisch.

Neue Materialien als vertretbare Alternative zu Leder

Pflanzliche Gerbung und faire Produktion also hin oder her, das ganze Thema liegt mir schwer im Magen und ich bemühe nochmal das Internet, um Alternativen für Leder zu finden. Und die scheinen mir (beim zweiten Anlauf) gar nicht mehr so selten zu sein. Materialien wie Kork oder Ananasfaser klingen zwar erstmal befremdlich, scheinen aber ziemlich tauglich zu sein.

Über Label wie SORBAS Shoes Berlin oder Korkallee lassen sich Korkschuhe schon in bemerkenswerter Vielfalt beziehen, und die stehen dem Leder was Atmungsaktivität, Robustheit und Wasserresistenz betrifft, scheinbar in nichts nach. Zudem helfen die Korkeichen in Portugal die Wüstenbildung aufzuhalten, weshalb eine Aufforstung mit diesen Bäumen zusätzlich positive Effekte auf die Umwelt haben soll. Die Bäume werden für die Ernte auch nicht komplett abgeholzt, sondern nur beschnitten und wachsen anschließend besser nach. Allerdings ist eine solche nachhaltige Ernte wohl auch nur alle 9 Jahre möglich. Das erscheint mir hinsichtlich des möglichen Bedarfs, wolle man alle Lederprodukte damit ersetzen, doch etwas lang.

Upcycling als ethische Übergangslösung

Aber ich stolpere bei der Suche nach Schuhen noch über andere Alternativen. So gibt es auch schon Schuhe aus recycelten Materialien. Und zwar auch solche, die aus Leder bestehen, nämlich aus alten Autositzen. Die Sneaker von Zweigut haben es mir spontan angetan und ich werde sie mir nach einigem Überlegen nun bestellen. Zwar kann man sich dabei immer noch die Frage stellen, ob man damit nicht auch den Einsatz von Leder in der Automobilbranche weiter unterstützt bzw. ihm nichts entgegnet. Aber das Material ist natürlich trotzdem vorhanden. Ist wohl wieder so ein Henne-Ei-Problem.

Da ich mich zunehmend auf mein Bauchgefühl verlassen möchte, und mir diese recycelten Schuhe einfach spontan so zugesagt haben, werde ich dieses Mal hier zuschlagen. Ich hoffe, sie passen dann auch, die Online-Bestellung ist leider auch noch ein Haken, wie ich finde. Sollten die Schuhe mich aber überzeugen, werde ich mal hier in der Gegend anfragen, ob sie nicht beispielsweise bei jojeco fairfashion (dort habe ich leider keine Schuhe für meinen Geschmack gefunden) ins Sortiment aufgenommen werden können.

Optimierungsbedarf bleibt

Am liebsten würde ich jedoch die pflanzlichen Leder-Alternativen promoten. Warum mich nun gerade bei den recycelten Leder-Schuhen die Kauflust gepackt hat und nicht eher bei den Kork-Varianten kann ich wirklich nicht beantworten. Vielleicht liegt es an der eher klassischen Optik dieser Schuhe, daran, dass sie nicht ganz so öko aussehen, dass mir die recycelten Schuhe so gut gefallen. Die Korkschuhe gibt es meist in natürlichen Tönen, die auch eher hell sind, weshalb sie mit meiner meist dunklen und farbigen Garderobe möglicherweise nicht immer gut zusammenpassen. Wobei ich auch bei den Korkschuhen schon Modelle in kräftigen Farben gesehen habe.

Das Material Kork werde ich auf jeden Fall im Hinterkopf behalten – nicht nur was Schuhe betrifft!

Wie ist es bei euch, habt ihr schon Schuhe aus alternativen Materialien im Schrank? Wie sind eure Erfahrungen damit? Oder schwört ihr auf Leder und habt ein gutes Gefühl dabei? Teilt doch eure Gedanken dazu mit einem Kommentar!

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